Vor einigen Tagen hatte Mutter Hase Nachwuchs bekommen. Ein kleines Häschen kuschelte sich eng an seine Mama. Pauli hatte sie ihren Sohn genannt.
Tag für Tag wuchs er heran. Bald schon war er ein munterer kleiner Hopser, der voller Freude über seine Heimatwiese flitzte. Sein Nest unter einer nahen Hecke kannte er ganz genau und nach jedem kleinen Ausflug fand er sicher wieder dorthin zurück.
An einem sonnigen Morgen beschloss Mutter Hase, das Nest für einige Stunden zu verlassen. Sie wollte auf einer weiter entfernten Wiese frische Kräuter für sich und ihren Sohn sammeln.
Bevor sie aufbrach, machte sie sich reisefertig und rupfte eine große Menge Brennnesseln. Sorgfältig legte sie die stacheligen Pflanzen rund um das Nest und errichtete so einen schützenden Zaun für ihren kleinen Pauli.
Pauli versprach seiner Mutter zu gehorchen und winkte ihr mit seinem kleinen Pfötchen nach.
Kaum war Mutter Hase hinter den hohen Gräsern verschwunden, wurde es dem kleinen Hasen langweilig. Er zupfte an einigen Grashalmen, putzte sein Schnäuzchen, streckte sich und gähnte herzhaft.
Doch je länger er wartete, desto schwerer fiel es ihm, still zu bleiben.
In dem Brennnesselzaun hatte seine Mutter ein kleines Schlupfloch gelassen. Neugierig schlüpfte Pauli hindurch und sprang vergnügt über die Wiese.
Er veranstaltete einen Wettlauf mit einer Ameise, besuchte einen Marienkäfer, der auf einer Löwenzahnblüte saß, und beschnupperte eine hohe Schafgarbe, zu der er sich tüchtig strecken musste.
Über all dem fröhlichen Spielen vergaß Pauli das Versprechen, das er seiner Mama gegeben hatte.
Währenddessen hatte im nahen Wald der Fuchs Smirre gerade seinen Bau verlassen. Sein Magen knurrte laut, denn er hatte großen Hunger. Auf der Suche nach Futter schlich er durch das hohe Gras auf die Wiese hinaus.
Pauli bemerkte den Fuchs nicht. Noch immer war er damit beschäftigt, seine kleinen Krabbelfreunde zu besuchen.
Smirre kam immer näher. Seine feine Nase nahm jeden Geruch des Wiesenbodens auf. Plötzlich blieb er stehen und schnupperte aufmerksam.
Gerade hatte Pauli einen Grashüpfer begrüßt, als sein Näschen plötzlich die Gefahr witterte.
Erschrocken machte er einen gewaltigen Satz. So schnell ihn seine Beine tragen konnten, rannte er im Zickzack über die Wiese seinem Nest entgegen.
Smirre war so überrascht, dass er einen Augenblick zögerte. Diese kurze Zeit genügte Pauli, um seinem Nest ein gutes Stück näherzukommen.
Schnell schlüpfte er durch das kleine Loch im Brennnesselzaun und drückte sich tief in sein Nest. Sein Herz klopfte wild.
Inzwischen hatte Smirre den Brennnesselzaun erreicht. Mit einem großen Satz wollte er über die grüne Brennnesselmauer springen.
Doch dabei berührte seine empfindliche Nase die dichten Brennnesselblätter.
Und die Brennnesseln taten genau das, was Brennnesseln nun einmal tun.
Sofort begann seine Nase zu brennen und zu kribbeln. Sie wurde rot, schwoll an und verwandelte sich in eine dicke Knollennase.
Um seine Schnauze zu kühlen, rieb er sie an feuchten Grashalmen und steckte die Nase sogar ins taufrische Gras. Doch nichts half.
Die Brennnesseln waren stärker.
So schnell er konnte, lief er zurück zu seinem Bau im Wald.
Dort verkroch er sich tief in seinem gemütlichen Fuchsbett und kühlte seine geschwollene Nase mit feuchtem Moos.
Pauli hatte die ganze Zeit zitternd in seinem Nest ausgeharrt. Als Mutter Hase am Abend mit leckeren frischen Kräutern zurückkehrte, kuschelte er sich erleichtert an ihr weiches Fell.
Von seinem Ausflug erzählte er lieber nichts. Doch jedes Mal, wenn er später einen Brennnesselzaun sah, erinnerte er sich an die rote Knollennase von Smirre.
Und tief in seinem Hasenherz wusste er, dass seine kluge Mama ihn an diesem Tag vor großer Gefahr bewahrt hatte.